Sebastian Schöffel

Stell dir vor, du würdest die besten Spots der Erde bereisen und müsstest dann am Strand bleiben, um anderen beim Surfen zuzusehen. Du würdest Höllenqualen leiden. Es gibt Menschen, die machen das beruflich und gerne.
Professionelle Fotografen, die selber Windsurfen etwa. Sie stehen an den weltbesten Spots hinter der Kamera und verbringen anschließend viel Zeit vor ihrem Laptop.

Sebastian Schöffel gehört zur Spezies surfender Fotograf. Wir haben ihn gefragt, was ihn dazu bringt Fotograf zu sein und was er von der medialen Vermarktung des Sportes denkt.

Von dir sieht man in den letzten Jahren immer öfter Fotos in nationalen und internationalen Magazinen. Macht es dir Spaß an den ganzen Spots zu fotografieren, während andere Spaß in den Wellen haben!?

Mit dem Auge am Sucher habe ich eigentlich gar nicht das Bedürfnis selbst zu Surfen, in dem Moment stecke ich ja quasi direkt in der Linse und muss mich voll konzentrieren. Sobald ich Watershots mache, ist es mir noch mehr wurscht. Hauptsache nass und schon hab ich meinen Spaß!
Sicher hätte ich Bock zu Surfen, aber irgendwann sind meine Speicherkarten eh voll und ich muss quasi aufs Wasser! Oder ich gehe kurz vor der Fotosession und direkt danach noch einmal, oft erwische ich so die besten Breaks und hab mehr Power als die andern, die schon 5 Stunden lang auf dem Wasser sind...


Wie kamst du dazu Windsurf-Fotograf zu werden?!? Es ist ja nicht gerade ein Job an den man einfach kommt. Vor allem nicht wenn man aus Bayern stammt, oder?

Also, ich surfe seitdem ich neun bin und wollte daher immer irgendwas in dem Bereich machen. Im selben Alter hat mir mein Dad seine alte Polaroid-Kamera mit chemischen 1-Weg-Aufsteckblitzen vermacht und ich hatte den ganzen Sommer damit herumexperimentiert. Irgendwann hat er mich auch - nach langem Gebettel - an seine Spiegelreflex gelassen und als ich ungefähr 14 war, habe ich mir meine erste größere digitale Kleinbildkamera von Fuji gekauft. Mein erster PC war ein 2/86er, kurz danach kam der 4/86er mit 66 Mhz und auf dem habe ich mit Photoshop angefangen meine Bilder zu bearbeiten und irgendwelche CD-Labels zu gestalten. Auf meiner Schule war ich etwa vier Jahre Chefredakteur des „Spicker“, dem monatlichen Spaß- und Infoblatt. Schon zu der Zeit hatte ich mit Layoutprogrammen rumgefuchtelt und das gesamte Magazin autodidaktisch in Indesign erstellt. Mit meiner Kamera habe ich schulische Veranstaltungen dokumentiert, eingescannt und ins Layout eingebaut. Das war rund 1998 - unglaublich...


Naja und da hat sich das im Surfbereich einfach entwickelt, dass immer ich der Depp war, der am Strand stand und Fotos gemacht hat. (lacht) Ich denke, am Anfang war es nur Geknipse - eben astreine Hobbyfotos.

0 Als ich dann mit knapp 17 Jahren meine Ausbildung zum Mediengestalter für Digital- und Printmedien angefangen hatte, konnte ich mir durch meine Ausbildungsstelle ganz gut Fachwissen aneignen. Ich bekam in einer winzigen Agentur, in der ich schon seit 2 Jahren in den Ferien und am Wochenende für die Bereiche Bildbearbeitung und Internet ausgeholfen habe, einen Platz. Dort war ich dann quasi der erste Azubi und mein Chef hat mir sein Wissen 1zu1 mitgegeben. Ich durfte einfach alles machen und da er selbst Fotograf war, hab ich super viel mitgenommen. Vieles musste ich mir aber anlesen und meine eigenen Erfahrungen sammeln - gerade für den Sportbereich. Irgendwo daheim hab ich noch dicke Fotobücher über Perspektiven, Winkel, Fluchtpunkte, Bildcomposing und all das Zeug - geiles Zeug!

Mit 21 habe ich mich von meiner Agentur getrennt, mich endgültig selbstständig gemacht und meine eigene Werbeagentur gegründet. Zu dem Zeitpunkt hatte ich ein paar Referenzen gesammelt, hatte einige Aufträge in Aussicht, wohnte noch zu Hause und hatte somit nichts zu verlieren - wollte es einfach mal versuchen mich selbstständig zu machen...

Hier hatte ich auch meine erste Veröffentlichung in der SURF: Manöversequenz des Gecko mit Fabi Weber am Walchensee... Schon damals hatte ich versucht mich irgendwie abzuheben. Also bin ich wie ein Bekloppter mit einem Tretboot mitten auf den Walchensee gepaddelt, um Fabi im Stehen und dem Weitwinkel-Objektiv abzulichten.

Gar nicht so einfach, bei 5 Windstärken und einem wackeligen alten Tretboot den Protagonisten zu treffen und dann noch eine Sequenz mit 8 Bildern pro Sekunde zu produzieren, die man gut retuschieren kann, das Segel komplett drauf ist, der Move aus der richtigen Perspektive gezeigt wird, der Hintergrund schön aussieht, kein anderer Surfer zu groß am Bild ist und das Foto zum Schluss auch noch scharf ist...

Und natürlich wäre es deutlich einfacher gewesen, wenn der Horst den Move öfter gestanden hätte. So schwer kann das ja nich sein!
Sebastian Schöffel
Fototechnisch wollte ich damals unbedingt durchstarten, habe eine Mappe erstellt und bin über meinen guten Freund, dem Fabian Weber, einfach mal zu Mistral gegangen und habe mich vorgestellt: schwupps hatte ich den ersten Auftrag mit den Morenos und Nik Baker für eine kleine Travelstory im SURF-Magazin. Die Story wurde dann, aufgrund vieler Telefonate meinerseits, auch in anderen europäischen Magazinen veröffentlicht. Ich musste mich ja erst mal vorstellen, da mich keiner kannte. Anfangs war eigentlich jeder skeptisch, ob die Qualität auch wirklich passt und ich musste erstmal produzieren und danach wurde entschieden ob es ins Mag kommt... Naja - und so fing alles an.


Mittlerweile bist du nicht mehr nur in der Windsurfbranche tätig. Wie kommt das? Gibt die Windsurfbranche nicht genug her?

Mh, was soll ich sagen. ;) Mein Herz gehört dem Windsurfen! Geld verdient man aber besser woanders.
Mein Schlüsselerlebnis hatte ich gleich nach knapp zwei Jahren, als ich im Winter für 10 Tage im Kundenauftrag in ein Land geflogen bin, in das viele im Winter reisen und als ich wegen Windmagel, Wellenmangel, schlechtem Wetter und Krankheit mit nur einem geilen Foto zurück kam, erhielt ich nur die Antwort: "Keine Fotos, kein Geld!" Somit blieb ich auf den Kosten sitzen und habe für mich beschlossen, nur noch das zu machen, was mir Spaß macht und wo ich auch weiß, das etwas zurück kommt. Dieses eine geile Foto zierte dann immerhin die letzte Seite des SURFERS MAG und das war schon etwas besonderes für mich!

0 In der Zwischenzeit habe ich viele andere Aufgaben. Aber das war auch das Ziel, denn ich wollte schon immer mehrere Standbeine haben.

Heute liebe ich die Abwechslung die ich habe - hier mal ein zweiwöchiger Surftrip für eine Story mit Freunden, dort mal ein Fashion-Shooting, zwischendrin ein paar aufwendige Composings, eine Website, ein Webshop oder ein dickes Katalogprojekt oder ich werde spontan von RED BULL für Events oder Athletenportraits gebucht (z.B. RED BULL ROCKETS Watershot). Die unzähligen Wochenend-Trips für Travelstories oder die Verwirklichung von eigenen Ideen (z.B. SURF-Cover 3/2010) darf man natürlich auch nicht vergessen.

Oft sehe ich auch aus dem Büro-Fenster und geh einfach kurz ne lange Mittagspause am See einlegen ;) Es macht einfach Spaß in der Kombination! Und mal ehrlich, der Surfmarkt ist zu klein um NUR davon wirklich leben zu können.

Nach wie vor mache ich viel in der Branche, aber eben nur ausgewählte und "sichere" Sachen. Meistens sind es Eigenproduktionen - die hat man besser im Griff und im Organisieren und Sponsoren begeistern habe ich ein ganz gutes Händchen.

So lebt es sich - für mich jedenfalls - wesentlich entspannter.



Sebastian Schöffel


Geht es deiner Meinung nach in der Windsurfbranche oft unprofessionell zu?


Wer sich ein bisschen mit der Branche beschäftigt, kommt da eigentlich relativ einfach dahinter - da gibt es für mich zwei Hauptgründe:

Der wichtigste ist sicher, dass unser Markt leider ziemlich klein ist und vielen dadurch einfach die nötigen Mittel fehlen, um wirklich professionell arbeiten zu können.

Wie würdest du reagieren:
- du hast wenig Budget und beauftragst einen Fotografen
- er kommt zurück und hat keine Fotos im Kasten

Richtig. Du wirst nicht zahlen wollen, weil du es dir nicht leisten kannst, für 1x Output zweimal zu bezahlen... Ich kann die Industrie da gut verstehen.

In anderen Branchen gibt es für solche traurigen Fälle ein Ausfallhonorar, weil der Fotograf ja auch etwas investiert hat und zumindest die Unkosten drin sein sollten. Fürs Wetter kann keiner was und der Fotograf macht das ja sicher nicht mit Absicht. In anderen Branchen gibt es aber auch mehr Budget und sowas wird da standardmäßig einkalkuliert!

Aber dafür ist der Markt einfach zu klein und die Marge zu gering, da bleibt für Fehltritte nicht viel über und man kämpft schneller mal mit harten Bandagen. Mein Geld hätte ich damals sicher einklagen können, aber watt solls...

Surfen ist mittlerweile ein elitärer Sport geworden, der mit sehr sehr viel Aufwand betrieben werden muss und auch nicht gerade günstig ist. Ein Bike, einen Fußball oder Hockeyschläger sind einfach günstiger und vor allem kann man z.B. diese Sportarten mit sehr viel weniger Aufwand betreiben. Die Macht liegt halt immer bei der Masse!

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Der zweite Grund ist für mich, dass viele Brands von ehemaligen Profisurfern oder solchen die es werden wollten, gegründet wurden und teilweise noch heute geführt werden. Diese Personen steckten sehr viel Wissen, Herzblut und Engagement in ihre Firma und haben es eine Zeit lang teilweise auch zu wahren Imperien gebracht. Jedoch sind die Kunden heut zu Tage anders geworden und ticken nicht mehr so wie früher. Der visuelle Wahnsinn und die Berieselung in Sachen Werbung und Werbestrategien, ist einfach nicht mehr zu vergleichen. Viele Firmen haben hier den Anschluss verpasst in den "fetten Zeiten" freie Berater und fähige Marketing-Manager einzustellen oder einfach nur Ihre CI neu auszurichten. Manch einer hat sich da sicher gedacht: "Warum sollen wir was ändern, wir sind doch top und es hat bisher gut funktioniert!"

Die Medien sind heute sehr schnelllebig und die Ansprüche der Masse steigen einfach täglich. Jeder Müsliriegel bekommt eine Werbekampagne, die größer ist als die einer kompletten Windsurf-Marke... Ein normales Layout reicht einfach nicht mehr aus, man muss sich schon mit krassen Sachen von der Konkurrenz abheben, sonst gilt man sofort als nicht innovativ oder cool genug. Da der Markt aber aufgrund der Benutzerzahlen abflacht, können viele gar nicht mehr richtig in solche Dinge investieren. Obwohl es selbst hierfür Abhilfe gibt in Form von erfolgsabhängigen Honorierungen usw. Hierfür sind Agenturen meist sehr offen!

Ein paar Brands machen es aber auch richtig gut. Hier sitzen an führenden Positionen Marketing-Manager, die vielleicht sogar aus ganz anderen Branchen stammen und einfach Know-How durch ihr Studium und ihre Erfahrung mit einbringen können und neue Richtungen aufzeigen. Hier sieht man deutlich die Wertschätzung für gutes Marketing, ausgefeilte Grafik und tolle Kampagnen. Und man merkt am Bekanntheitsgrad, wie gut dies dadurch funktioniert – selbst in unserem Bereich ;)
Sebastian Schöffel
Wie gewinnt man deiner Meinung nach wieder mehr Leute fürs Windsurfen?

Die Preise für das Material sind hoch. Das schreckt Kunden ab. In der Printmedienlandschaft sieht es auch nicht sehr rosig aus mit zwei, oder eher einem deutschsprachigen Magazin.

Die Branche neigt in den letzten Jahren dazu jahrein jahraus das Gleiche zu tun. Es werden z.B. jährlich Katalogfotos gemacht und da wäre doch jährlich die Möglichkeit mal etwas Neues zu versuchen. Aber nein, aus Angst die gewohnten Raster zu durchbrechen und sein altes "es läuft doch ganz gut, das hat doch gut funktioniert" zu riskieren, macht man sogar noch Fotos mit den selben Perspektiven, Farben, Hintergründen! Und das seit Jahren! Mich „langweilt“ die Szene deswegen und so trifft sie seit Jahren auch auf Nichtsurfer. Gelangweilt und mit wenig Innovation - Ausnahmen natürlich ausgenommen, aber da gibt’s ganz ganz wenige.

Stellt man Kampagnen von vor 5 Jahren gegen heutige, sind wir grafisch ähnlich und die Fotos sind für einen Laien identisch. Das da ein Unterschied im Segel ist, sehen nur die Freaks und das wirklich tolle an dem Sport wird einfach ganz weit hinten angestellt. Also noch weiter hinten als es überhaupt geht. Ihr wisst wovon ich rede... IMAGE! Unser Sport hat kein Gesicht mehr, er definiert sich nur über das Material das du fährst...

Die meisten Anzeigen sind produktbezogen und auch sind Artikel das auch. Warum haben die meisten Profiwindsurfer selbst so ein schlechtes Image? Selbst innerhalb der Branche? Nicht weil sie keine coolen Typen sind, sondern weil die Marken ihr Image nicht richtig verwerten. Klar das man einen Jonas Ceballos einfach rauswirft, er war halt der Typ der hoch gesprungen ist, aber mehr auch nicht!
0 In anderen "coolen" Sportarten geht es um den Sport, um ihn zu leben, um dabei zu sein und nette Leute zu treffen und nicht darum, was für ein neues – vor allem neu muss es sein - Board/Segel was auch immer du gerade fährst.

Schaut man sich andere Magazine an, so findet man hier zahlreiche Anzeigen, die überhaupt nichts mit dem Produkt zu tun haben, sondern nur einen coolen Typen zeigen, wie er mit Freunden unter einer Laterne steht - daneben die Ramp im Schatten und man hat so unterschwellig das Gefühl, das die Jungs richtig Spaß hatten. Fertig, das ist cool! Das macht Stimmung! Das macht mich an! Von einem Produktfoto, wie jemand einen Monster-Backloop springt, nehme ich absolut KEIN Gefühl für MICH mit.. Außer ein kurzes „hui is der hoch“.

Stell dir vor, in deinem Wohnzimmer hängen zwei Fotos:
Foto 1: zeigt dich mit deinem besten Kumpel auf dem ihr zwei, Arm in Arm, ein paar Flaschen Pils drumrum und ein altes Board, das ihr als Tisch in einem wackeligen Zelt am Strand von Fuerte verwendet, zu sehen seid.
Foto 2: Man sieht dich und deinen Freund nebeneinander surfen. Er macht ne Halse und du nen Backloop.

Was glaubst du welches länger hängen bleibt, selbst wenn ihr mal euch aus den Augen verloren habt...?
Ich erinnere mich da immer an ein uraltes Poster mit Björn, Robby Naish, Robby Seeger und wie sie alle hießen: rund 10 Leute stehen einfach grinsend mit lustigen Posen, Arm in Arm, neben, an und in einem roten Porsche Cabrio mit einem uralten Klepper quer übers Dach. Hier spürt man den Spirit und sieht den Zusammenhalt, die Gemeinschaft und den Spaß am Leben.

Die Moves und das Material kann man tauschen, den Spirit des Sports jedoch nicht und der fehlt heute fast komplett. Das sieht man leider auch in den Magazinen...

Sebastian Schöffel
Was sind deine zukünftigen Pläne als Fotograf?

Ich hab eigentlich keine Lust mehr, nur noch normale Surffotos zu machen und will hier einfach neue Wege gehen. New Creativity ist gefragt und ich versuche Ideen zu entwickeln, die man so noch nicht gesehen hat. Fotos, die sich die Leute ansehen und nicht gleich wieder wegklicken, Bilder, die zeitlos sind und aufgrund der Bildaussage wirken und nicht wegen des Materials oder der schönen Farben!

Ein/zwei Dinge in der Richtung konnte man von mir ja schon sehen und viele liegen noch in der Pipeline. In meinem Kopf wimmelt es vor Ideen, jedoch ist es einfach super schwierig eine Surfmarke von einem Wagnis zu überzeugen, da hier oft die nötige Zeit und Kreativität fehlt, um sich das Bild vorzustellen. Da fehlt sicher auch das Vertrauen in das erlernte Handwerk des anderen.
0 Ab und zu klappt‘s und ich kann mich verwirklichen, jedoch meist unter Eigenregie. Die Mühlen mahlen einfach sehr langsam und es dauert bis eine neue Sichtweise in den Köpfen angenommen wird.

Wer die Szene verfolgt, wird immer irgendwas von mir finden oder mich am Strand bei irgend einer verrückten Aktion treffen. Verabschieden werde ich mich wohl nie aus unserem Sport - dazu gibt er mir zu viel zurück... Jeden Tag riecht es in meinem Auto nach feuchtem Neo und schon das öffnen der Tür hebt meine Stimmung – manch anderem könnt es da auch übel werden.

Schade das man diesen Geruch nicht in ein Foto pressen kann (lacht).

Vielen Dank für das Gespräch. Wer Kontakt mit Sebastian Schöffel aufnehmen will, kann sich gerne über Facebook bei ihm melden.
Sebastian Schöffel