Technik Dossier

Unsere Boards, diese unschuldig aussehenden Spaßbretter, bestehen fast ausschließlich aus Erdöl*. Die Produktion ist nicht nachhaltig und die Boards können kaum recycled werden. Einige Hersteller leisteten Großes, denn sie sprachen mit uns offen über unsere Analyse. Was sind die Fakten? Gibt es einen Ausweg?

1.) No Oil?
Bei einer Kaufentscheidung für ein Produkt spielen meist die Qualität, die Haltbarkeit und der Preis eine entscheidende Rolle. Aspekte der Gesundheit und Nachhaltigkeit sind oft weniger Ausschlaggebend. Wer denkt schon beim Kauf eines Windsurfboards an Erdöl?

Andererseits wird die Förderung und Verarbeitung von Öl kritisch verfolgt. Katastrophen wie der Unfall im Golf von Mexico, Havarien beim Transport oder die Erschließung neuer Quellen vor der eigenen Haustür rufen massive Protestbewegungen auf den Plan. Aktuell protestieren auf den Kanaren viele Surfer und Windsurfer gegen eine Ölförderung, weil sie um ihre Spots und die Natur fürchten. Auch Fracking unter unseren eigenen Füßen wird eher kritisch betrachtet. Das ist alles verständlich.

 

2.) Die Sache hat einen Haken
Allerdings hat die Sache einen großen Haken. Ohne Öl läuft momentan fast nichts. Weder im Windsurfen, noch sonst. Und so werden immer ausgefeiltere und oft auch riskantere Methoden genutzt, um Öl zu fördern, denn unser Ölvorrat ist begrenzt. Fast sämtliche Bestandteile einer Windsurfausrüstung bestehen, wie nahezu alle anderen Kunststoffe, in der Grundlage aus Erdöl.

Der Herstellungsprozess ist komplex: Erdöl wird nach der Förderung in Raffinerien weiterverarbeitet und dort in einzelne Bestandteile wie Ethen oder Benzol aufgespalten, die zur Herstellung von Kunststoffen verwendet werden.

So wird durch Dehydrierung von Ethylbenzol Styrol gewonnen und daraus Polystyrol, das gängige Material für den Kern eines Boards. Aus Ethen entsteht unter Zusatz von Chlor und Weichmachern PVC, was ebenfalls in vielen Sandwichboards zu finden ist. Auch die Carbonfaser wird meist aus Erdölbestandteilen hergestellt.

Und auch das Harz, das die verschiedenen Bestandteile eines Surfboards verbindet, basiert in der Regel auf Erdöl. Viele der Substanzen, die bei der Herstellung genutzt werden, sind einzeln betrachtet hoch giftig.

3.) Surfing on Oil, ohne Recycling
Die Produktion der einzelnen Zutaten ist also, zumindest aus umwelttechnischer Sicht und vorsichtig ausgedrückt, bedenklich. Wir schaden mit dieser Nutzung unserem Planeten in vielfältiger Weise.

Die Grundzutaten eines Boards werden zu einem Sandwich verbacken, das in hunderten Jahren nicht verrotten wird und auch mit vertretbarem Aufwand nicht recyclingfähig ist**. Daran ändert auch eventuell verbautes Holz nichts, denn man kann die mit Harz verbundenen Komponenten kaum trennen.

Zusätzlich werden die Produkte, wie heute oft üblich, um den halben Erdball transportiert, auf Schiffen, die ihren Treibstoff extrem unsauber verbrennen. Ein ganz anderer, gesundheitlicher Aspekt: Ob oder welche (Gift-)Stoffe so ein Board nach der Fertigstellung ausgast, wissen wir nicht. Dies bleibt bei diesem Artikel also außen vor. 


4.) Kein erhobener Zeigefinger
Dies soll kein erhobener Zeigefinger sein. Aufgezeigt wird der aktuelle Stand der Produktionskette. Aber diese Produktion steht nicht in Stein gemeißelt. Sie kann sich verändern. Vor einigen Wochen haben wir im ersten Teil des Technik-Dossiers „Kommt die Revolution im Boardbau“ eine alternative, umweltfreundliche Herstellungsweise für die Kerne in unseren Boards vorgestellt. (Wer den Artikel verpasst hat, findet ihn hier.) Andere Ersatzprodukte zum Beispiel für Gewebe sind Jute und Flachs, die erfolgreich in Rotoren für Windturbinen eingesetzt werden. Bio Epoxy ist ebenfalls schon vorhanden.



„Ich bin sehr besorgt, wohin uns unsere Konsumgesellschaft bringt und unsere Marke spielt das Spiel in vieler Hinsicht mit.“
Svein Rasmussen - Starboard


5.) Die Umfrage bei den Herstellern
Mit so spannenden Entwicklungen im Hintergrund hatten wir Anfang September begonnen die Hersteller von Windsurfboards zu befragen. 

Wir wollten wissen, welche Materialien in der Produktion genutzt werden und wir fragten zusätzlich nach der Entsorgung der Produktionsreste und stellten die Frage: „Verfolgt ihr konkrete Pläne, um die Produktion umweltfreundlicher zu machen? Falls ja, welche?“

Die Antworten waren sehr unterschiedlich. Ein sehr großer Hersteller teilte uns per Mail mit, keine Auskunft zu erteilen zu wollen. Andere wieder stellten sich stumm. Wieder andere verzögerten eine Antwort immer wieder. Sie werden dafür ihre guten Gründe haben. Lassen wir also denen den Vortritt, die konkret geantwortet haben.


6.) Produziert wird nur, was in Auftrag gegeben wird
Die Überschrift klingt simpel, aber sie hat es in sich. Viele Marken lassen bei Cobra in Thailand produzieren. Cobra stellt dann nach den Spezifikationen der Marken die Boards her. Und bei diesen Spezifikationen bestimmten bisher eher marktspezifische Parameter wie Preis und Haltbarkeit die Herstellung.

Verantwortungsvoll auf den Punkt gebracht hat es Svein Rasmussen von Starboard: „Der Kunde (also die Boardmarken) schafft einen Bedarf beim Hersteller (Cobra), also liegt die Verantwortung für die Produkte bei den Marken und wie sie die Produkte bauen.“

Dies heißt auch: Nur wer umweltfreundlichen, den Planeten schützenden Boardbau fordert, bekommt ihn auch. Dies liegt dann zu guter Letzt auch bei den Endkunden, die dies von den Marken einfordern müssten, wenn sie es denn wollten.

In geringem Maße zeigen sich erste Ansätze. Holz, oder Kork werden verarbeitet, auf PVC wird dann manchmal verzichtet. 

Einfach ist die Thematik sicher nicht. Geringfügig steigende Produktionskosten machen sich durch stark steigende Endverbraucherpreise bemerkbar, führt Craig Gertenbach von Fanatic an. (Aber müssen die Preise wirklich steigen? Gerade im Biokomposit-Bereich stammen die günstigen Rohstoffe oft aus Abfallprodukten der Agararindustrie.)

Einer Branche, der es sowieso nicht besonders gut geht, können sinkende Verkaufszahlen durchaus gefährlich werden. Wenn ein Hersteller also in eine umweltfreundliche Produktion investiert und die Kunden das Produkt dann nicht kaufen, hat er verloren.

Eine solche Innovationsbremse in Sachen nachhaltiger, umweltfreundlicher Produktion ließe sich leichter lösen, wenn die Hersteller an einem Strang ziehen würden. Im Windsurfen liegt diese Möglichkeit sehr nahe, denn fast alle Brands lassen ihre Boards bei nur einer Firma (Cobra) bauen...

Auch die lange Haltbarkeit ist ein wichtiger Punkt. Craig Gertenbach, Svein Rasmussen und Patrik Diethelm denken, dass die momentan hochqualitativen und sehr haltbaren Boards ein Pluspunkt sind, denn es werden weniger Bretter produziert und rund um die Erde transportiert. Nachhaltiger und ungefährlicher für unseren Planeten wird die Produktionskette aber davon nicht.

In anderem Maßstab versuchen auch nicht ganz so große Hersteller wie Günther Lorch möglichst umweltfreundlich zu produzieren. Im Custom Made Bereich werden Absauganlagen oder Öfen optimiert, oder die Beleuchtung in der Produktionshalle umgestellt.

Trotzdem reichen diese Ansätze nicht aus. Svein Rasmussen sagt: „Ich bin sehr besorgt, wohin uns unsere Konsumgesellschaft bringt und unsere Marke spielt das Spiel in vieler Hinsicht mit.“***




Fußnoten:
* Genau genommen bestehen die Boards aus Produkten, die aus Erdöl gewonnen werden. Epoxy beispielsweise kann auch aus Kohlenstoffen aus Biomasse gewonnen werden. Das nutzte zum Zeitpunkt der Umfrage keine der von uns befragten Marken, und keine gab an, dies in Planung zu haben. (Vor wenigen Tagen bestätigte uns ein Hersteller, dass sie begonnen haben, mit einem Produzenten von Bio-Epoxy Harz für einem Einsatz bei Windsurfboards zu optimieren.)

** Natürlich verrottet auch ein Board irgendwann. Da der Zeitraum aber bei hunderten von Jahren liegt, wird keiner von uns eine Verrottung erleben.


*** Viele denken hier sicher: "Die anderen sind aber viel schlimmer als wir Surfer. Die kleine Windsurfindustrie schadet doch kaum." - Das stimmt, in anderen Branchen ist Umweltbeswußtsein weit weniger vorhanden. Wir zeigen hier aber nicht auf andere, sondern kehren vor der eigenen Haustüre.

Links:
Eine Britische Firma produziert Ersatz für Glasfaser aus Jute und Flachs.
www.compositesevolution.com

Ecovativedesign produziert einen Ersatz für EPS aus Pilzmyzel und landwirtsch. Abfällen.
www.ecovativedesign.com

Bio Epoxy
www.entropyresins.eu

7.) Die Chance
Das sind klare und mutige Worte und es ist eine große Chance. Hinter verschlossenen Türen wird zum Beispiel bei Starboard jetzt verstärkt in Richtung umweltfreundlicher Produkte entwickelt.

Auch wenn eine Marke eine Entwicklung anstößt und diese Technik beim Auftragshersteller Cobra zunächst exklusiv nutzen kann, so steht sie meist nach etwa zwei Jahren auch den anderen Herstellern offen. Dies bedeutet im Windsurfen: Wenn eine Marke Fortschritte macht, dann können viele Marken am Ende davon profitieren. Gleichzeitig kann ein Hersteller, die ein gutes Board und ein gutes Gewissen zu einem guten Preis verkauft, sicher Marktvorteile verbuchen.

Wichtig sind bei dem Prozess aber auch die Endkunden. Nur wenn sie wissen, was sie mit ihrem Kauf für eine Produktionskette unterstützen und die Folgen für die Umwelt verstehen, können sie entsprechende Schritte fordern. Das bedeutet aber mehr Transparenz von Seiten der Hersteller. Viele Brands gaben sich bei unserer Nachfrage nach der Produktion sehr zugeknöpft. Ein Hersteller gab an, gar nicht genau zu wissen, was exakt in den Boards steckt. Das darf nicht sein!


8.) Der Kunde bestimmt
Am Ende sind wir wieder am Anfang der Geschichte. Der Protest gegen die Ölförderung gleicht einer Kopfschmerztablette. Die Symptome werden bekämpft, aber nicht die Ursache. Würden Konsumenten vehement für das Einschlagen alternativer Produktionsmethoden votieren, würde sich sicher vieles schneller ändern. Da ist das Windsurfen der Spiegel der restlichen Industrie. Die Ursache für ein Umweltproblem liegt nur teilweise bei den Herstellern. Ohne Käufer werden in unserer Marktwirtschaft Produktionswege gar nicht erst eingeschlagen. So liegt ein Teil der Verantwortung beim Kunden.

Wir haben hier nur exemplarisch die Herstellung der Boards beleuchtet. Wer sich die anderen Komponenten einer Ausrüstung ansieht, wird auf ähnliche Problematiken stoßen.

In den nächsten Jahren haben die Kunden sicher die Möglichkeit, den Herstellern zu helfen einen umweltfreundlicheren, besseren Weg einzuschlagen und beizubehalten, indem sie versuchen diese Bemühungen bei einer Kaufentscheidung zu honorieren bzw. beim Hertseller diesen Weg einzufordern.

Wer diese Bemühungen im Windsurfbereich oder anderswo nicht unterstützt, müsste im Umkehrschluss auch die Ölgewinnung und die Folgen der Nutzung vor der eigenen Haustür und am eigenen Körper akzeptieren. Und wer will das schon?

Dieses Thema bietet Stoff für interessante Diskussionen. Für Fragen, Anregungen oder Kommentare haben wir im DAILY DOSE Forum einen Bereich eingerichtet.

Eine englische Version dieser Story findet ihr hier.