Plötzlicher Herztod beim Sturz ins Wasser

Plötzlicher Herztod im Wasser

Ursachen, Risiken, Gegenmaßnahmen

Es trifft Triathleten, Angler, Kanufahrer, Windsurfer. Warum kann ein Sturz in kaltes Wasser zu einem plötzlichen Herztod führen? Erhöhte Koffeineinnahme (Energy Drinks) oder Medikamente können die Gefahr des plötzlichen Herztodes noch erhöhen.

Der Profiwindsurfer Andy Funnell starb 2004 nach einem Sturz von einem Jet Ski in kaltes Wasser. Der trainierte Sporter war nur mit Boardshorts bekleidet und erlitt im Wasser einen plötzlichen Herztod, der mit dem nachfolgend beschriebenen Mechanismen in Verbindung gebracht wird.

In Triathlonwettbewerben starben zwischen 2003 und 2011 43 Menschen. Davon erlitten 79% beim Schwimmen auf den ersten 200 Metern einen plötzlichen Herztod. Forscher glauben, das der unten beschriebene Mechanismus eine große Rolle spielen könnte.

Schon die Großeltern warnten davor, nicht plötzlich kopfüber ins kalte Wasser zu springen. Sie hatten im Prinzip recht, die genauen Hintergründe waren damals jedoch noch nicht bekannt.

Die im Folgenden beschriebenen Vorgänge wurden in der Forschungsarbeit von Michael J. Shattock (Cardiovascular Division, Kings College London) und Michael J. Tipton (Extreme Environments Laboratory, University of Portsmouth) beschrieben. Auf diese beziehen wir uns hier (1) .

Was sind die Ursachen?
Zwei gegenläufige Reflexe wirken gleichzeitig auf den Herzschlag ein. Wenn ein Mensch komplett in kaltes Wasser eintaucht, kommt es über das kalte und nasse Gesicht zum Tauchreflex. Der Tauchreflex verlangsamt die Herzfrequenz, der Atem kann länger angehalten werden und der Blutfluss in den Extremitäten wird vermindert. Der Reflex wirkt wie eine Bremse . Am deutlichsten tritt der Tauchreflex bei einer Wassertemperatur von etwa 12°C auf. Ist das Wasser sehr kalt, verursacht die Kälte Schmerzen im Gesicht, was den Reflex abmildert.

Gleichzeit kommt es über Kälterezeptoren der übrigen Körperhaut zu einem Kaltwasserreflex, der eine erhöhte Herzrate sowie den Drang zu hyperventilieren auslöst. Schon alleine dieser Reflex ist bei einem Sturz ins Wasser gefährlich, da der Kaltwasserreflex dafür sorgen kann, dass unter Wasser versucht wird zu atmen, wodurch Wasser in die Lunge kommen kann, was zu mehr Panik und Stress führt. Der Reflex wirkt wie ein Gaspedal .

Wichtig: Nicht den Tauchreflex (über Gesicht ausgelöst) und den Kaltwasserreflex(über den ganzen Körper ausgelöst) durcheinander bringen.

Vereinfacht ausgeführt beeinflussen beide Reflexe, also Gaspedal und Bremse, gleichzeitig unseren Herzschlag und unsere Atmung.

Diese beiden gegenläufigen Reflexe heben sich jedoch nicht etwa auf, sondern können zu einer auch im EKG sichtbaren, sehr deutlichen Arrhythmie des Herzschlags führen. Die Forscher sprechen hier im Englischen vom "autonomic conflict".

In den meisten Fällen wird der "autonomic conflict" nicht zu tödlichen Arrhythmien führen, jedoch wird ihr Ausmaß von vielfältigen Faktoren verstärkt, die vielen Sportlern nicht bewusst sind. Zu diesen Faktoren zählen z.B. Aufregung, Ärger, einige Medikamente, eine genetische Prädisposition und Drogen (hierzu gehört auch Koffein).

Ein Energy-Drink ist dementsprechend vor dem Wassersport nicht unbedingt eine gute Idee. Auch ein großes Herz, wie man es gerade bei Sportlern öfter findet, ist ebenfalls gefährdeter. Ebenfalls eine Rolle spielen auch funktionelle Störungen verschiedener Ionenkanäle der Zellmembranen des Herzens. Diese Störungen können genetisch bedingt sein, können aber auch durch verschiedenste Medikamente hervorgerufen werden, wie unter anderem Antibiotika, Antidepressiva oder auch Malariamittel (Chinolone).

Helfen dicke Neoprenanzüge?
Da das Gesicht nicht vom Neopren bedeckt ist, ist der Tauchreflex , der den Herzschlag verringert, genauso ausgeprägt wie ohne Neoprenanzug.

Ein in einem Neoprenanzug eingepackter Windsurfer ist zwar gegen den Kaltwasserreflex besser geschützt, aber hier können andere Faktoren eine entscheidende Rolle spielen. Der Sturz alleine wird in der Regel eine höhere Herzfrequenz auslösen und auch die sportliche Aktivität sorgt für eine hohe Herzrate, die dann in Verbindung mit dem durch den Tauchreflex induzierten Impuls zu verringerter Herzrate zu kardialen Problemen führen kann.

Fazit:

  • Prinzipiell ist eine Auftriebshilfe/Schwimmweste sehr sinnvoll, denn sie hält den Surfer im Notfall an der Oberfläche und vermindert den Stress in der Notsituation schwimmen zu müssen. Hier gibt es mittlerweile Exemplare, die beim Sport nicht zu sehr stören.
  • Wenn es vermeidbar ist, kann es helfen, nicht kopfüber ins Wasser zu springen / fallen. Der Tauchreflex wirkt über das Gesicht!
  • Wer bei kaltem Wasser aber warmer Luft zum Beispiel auf einem SUP ohne Neopren unterwegs ist, setzt sich bei einem Sturz einem erhöhten Risiko aus.
  • Kaum jemand weiß genau, wie seine eigenen Risikofaktoren aussehen. Mit dem Wissen um die verstärkenden Faktoren kann aber das Gesamtrisiko minimiert werden. Ein sehr trainierter Sportler, der Antibiotika nimmt und sich den Energydrink reinpfeift, weil er auf die Session nicht verzichten will, sollte wissen, dass dieses Verhalten das Risiko nicht gerade verringert.
  • Die beschriebenen Effekte sind nicht schwarz-weiß, on-off zu sehen. Die Mechanismen sind komplex und der beschriebene Temperaturbereich ist nicht absolut zu sehen, sondern verdeutlicht, wann ein erhöhtes Risiko auftritt. Es wäre also falsch zu denken, dass ein halbes Grad über der risikoreichsten Wassertemperatur kein Risiko mehr besteht.



Dieser Artikel soll über die grundlegenden Mechanismen aufklären. Er kann und soll ärztlichen Rat nicht ersetzen.

Quellen (Auszug):

03.01.2021 © DAILY DOSE  |  Text: Christian Tillmanns  |  Fotos/Grafiken: Christian Tillmanns, Matt Hardy / unsplash.com