Windsurftrip nach Gotland und Fårö
Mission Failed oder Mission accomplished? Flo und Valerie Luther berichten von einem wunderschönen Windsurftrip, der nicht all ihre Träume und Erwartungen erfüllte.
Wir kennen sie alle – die vielen Reiseberichte aus den Online- und Offline-Magazinen von tollen Trips besessener Windsurfer, die ausziehen, um besondere Wellen oder besondere Sturmtiefs rund um den Globus abzupassen. Sie brennen sich in unsere Köpfe ein mit faszinierenden Bildern von epischen Tagen in unfassbaren Bedingungen und kreativen Stories, meist über verrückte Reisen mit unfassbar vielen durch die Nacht hindurch gefahrenen Kilometern, um zum rechten Zeitpunkt am rechten Ort zu sein. Viele träumen sicherlich von solchen Trips, vom Ausbrechen aus dem Alltag, der Jagd nach der perfekten Welle. Und wenn alles gelingt und alle Faktoren zusammenkommen, kann man von diesen Erlebnissen auch lange zehren. „Mission: Accomplished“ könnte man dann als Fazit ziehen.
Viel weniger liest man allerdings, einigermaßen selbstverständlich, von den vielen Trips, bei denen die epischen Bedingungen sich nicht so einstellen, wie erhofft. Windvorhersagen, die sich nicht bewahrheiten, Swell Forecasts mit unfassbaren Wellen-Perioden, die aufgrund eines minimal falschen Winkels am Spot der Träume doch nur Wellen-Hügelchen entstehen lassen, oder (besonders am Atlantik) ein falscher Tide-Stand, der die eigentlich guten Bedingungen unfahrbar oder höchstens durchschnittlich werden lässt. Tatsächlich übersteigt vermutlich die Anzahl der Trips mit magerer Ausbeute und weniger epischen Bedingungen diejenigen, von denen man am Ende in den Magazinen liest, um ein Vielfaches. Als Resümee bleibt dann oft nur die Feststellung: „Mission: Failed“.
Trotzdem mögen die Stories insgesamt doch interessant und lesenswert sein, wenn man bereit ist, seinen Horizont ein wenig für Themen zu öffnen, die jenseits von Windwinkel, Swell-Richtung und Airtime bei Sprüngen und Aerials liegen. Es kann einfach nicht jeder Windsurftrip zu epischen Erlebnissen auf dem Wasser führen. Und das ist möglicherweise auch ganz gut so, denn ansonsten würde der Reiz für die nächste Reise irgendwann vielleicht nachlassen und das „Besondere“ an den sehr guten Tagen zum „Normalen“ werden. Und das wäre dann auch irgendwann eventuell auch langweilig.
Bei unserem jährlichen Herbst-Trip, bei dem wir immer versuchen, Van Life, Naturerlebnisse, Wandern mit unseren Hunden und Windsurfen miteinander zu verbinden, erlebten wir aus Windsurf-Sicht eine solche Null-Nummer. Bis ganz am Ende… aber dazu später mehr.
Alles begann mit dem Plan, im November 2025 ein zweites Mal nach Korsika zu fahren, um dort den Sommer zu verlängern und noch mal ein paar gute Bedingungen bei warmen Temperaturen abzugreifen. Bei unserem ersten Trip auf die „Île de Beauté“ hatte dies großartig geklappt und wir kehrten mit einigen tollen Erinnerungen und Bildern zurück (dailydose.de/travel-korsika-20220720.htm).
Nun kam es aber so, dass unsere mittlerweile 12-jährige Hündin Mali ein paar Wochen vor der Reise eine größere Operation über sich ergehen lassen musste. Trotz guter Genesung wollten wir ihr allzu warme Temperaturen und anstrengende Wanderungen mit vielen Höhenmetern nicht zumuten, denn Korsika ist zwar wunderschön, aber auch ziemlich bergig und anspruchsvoll zum Wandern. Daher schwenkte unsere Planung langsam um in Richtung Bretagne – in der Hoffnung auf eine gute Kombination aus Wind, Welle, akzeptablen Temperaturen und flachen Küstenwanderungen. Dann, kurz vor Abfahrt, zeigte die Wettervorhersage für die Gegend um Brest allerdings 10 Tage lang nur Schweinewetter – jeden Tag Regen bei Temperaturen kaum höher als in Deutschland.
Die spontane Suche nach Alternativen führte uns nach Südschweden. Mein Windsurfer-Herz macht keine Luftsprünge, da es sich von der Aussicht auf warmes Wasser und Mittelmeer-Wellen nun auf arktische Temperaturen und vermutlich maximal Flachwasser umstellen musste, aber die Wettervorhersage war super: 10 Tage ohne Regen, gepaart mit einer passablen Windvorhersage. Und so erachteten wir Südschweden insgesamt tatsächlich als die sinnvollste Alternative. Zudem ist die Region aus unserer Heimat um Kiel ja auch ganz gut erreichbar. Also, los ging es…
Bei letzten Recherchen im Internet und in unseren Schweden-Reiseführern entstand quasi bei Abfahrt am Reformationstag (Freitag) die Idee, die Insel Gotland anzusteuern, statt auf dem Festland zu bleiben. Gesagt getan – da die Windvorhersage für die Wochenmitte 20-30 Knoten aus SW versprach, ging es mit einem kurzen Zwischenstopp auf der Insel Öland am Sonntagabend auf die Fähre nach Gotland. Die Überfahrt dauert gerade mal 3 Stunden und am Montag verbrachten wir den Tag damit, alle aus dem „Kite und Windsurfing Guide Europe“ bekannten und für SW-geeigneten Spots auf der südlichen Inselhälfte abzuchecken, um für den kommenden Wind bestmöglich vorbereitet zu sein.
Dann kam der große und mit Sehnsucht erwartete Tag – nur die Bedingungen kamen nicht, wie erwartet. Am frühen Dienstagmorgen ging es am Südende Gotlands in Holmhäller aufs Wasser. Der Wind wehte side-onshore von rechts und schaufelte teilweise immerhin bis zu ein Meter Welle in Richtung Strand, die teilweise sogar zu Mini-Backloops eingeladen hätte. Aber mit meinem größten Segel (5,2) und meinem Freestyler kam ich nur gelegentlich und nur mit Wellenschub richtig ins Gleiten, so dass der Spaß doch recht begrenzt war. Nach 90 Minuten brach ich etwas frustriert ab und wir fuhren den restlichen Tag von der Ostseite auf die Westseite der Insel und wieder zurück, in der Hoffnung, irgendwo doch noch brauchbare Bedingungen zu finden.
Nix zu machen. Schaumkronen hatten Seltenheitswert und eine zweite Session war sowohl am Dienstag als auch am Mittwoch einfach nicht mehr drin. Frust pur, besonders da meine Erwartungen an die Spots auf Gotland recht hoch waren. An guten Tagen soll es sowohl richtig gutes Flachwasser als auch mehrere gute Wavespots geben. Aber mit Wind knapp unterhalb der „Kotzgrenze“ war nichts zu wollen. Gar nix.
Die übrigen Ziele für unsere Reise konnten wir allerdings mehr als gut bedienen, denn zum Glück ist Gotland alles andere als langweilig. Es gibt auf der Insel und auf der kleineren nördlich angrenzenden Insel Fårö mehr als 100 Naturschutzgebiete und mehr als 150km ausgewiesener und sehr abwechslungsreicher Wanderwege – insgesamt vermutlich mit nicht viel mehr als 150 Höhenmetern. In Summe. Perfekt für unsere Zwecke. Aufgrund der späten Jahreszeit (erste Novemberhälfte) war die Insel nahezu „touristenfrei“, mit dem Nachteil, dass viele Restaurants und Campingplätze geschlossen hatten, aber mit dem großen Vorteil, dass wir viele Orte ganz für uns allein hatten und die Schönheit der Natur nicht mit anderen teilen mussten. Absolut nach unserem Geschmack…
Gleichzeitig war es mit 8°-12° C Lufttemperatur noch erträglich bzw. angenehm kühl – und die ersten 10 Tage fiel tatsächlich kein einziger Tropfen Regen. Es herrschte aber auch komplette Toten-Flaute. Nicht unbedingt das Wetter, das man bei einem Trip im November auf eine Insel mitten in der Ostsee erwarten würde. Wir machten das Beste draus – das Windsurfmaterial blieb zwar in den nächsten Tagen trocken, aber wir erwanderten so viele Ecken wie möglich und setzten unseren Plan um, jeden Tag mindestens einmal ins Wasser zu kommen.
Seit einiger Zeit hat meine Frau den Vorsatz, diesen Winter täglich baden zu gehen. Und sie ist auf einem guten Weg, das auch durchzuhalten. Da ich als Mann ja nicht wie ein Weichei im warmen Bus sitzen möchte, hab ich mitgemacht. Glücklicherweise waren die Wassertemperaturen in etwa auf dem Niveau der Lufttemperaturen (8°-10°C), so dass das Schwimmen in den vielen Seen oder im Meer tatsächlich noch ganz gut möglich war – aber ich muss schon sagen, dass ich mich mit Neo im Wasser deutlich wohler fühle. Auf der anderen Seite ist das Eisbaden eine beeindruckende Erfahrung und eine ziemliche Challenge an einen selbst. Ich bin sicher, Valerie wird das den ganzen Winter über durchziehen.
Ich selber bin mir da nicht so sicher. Vermutlich werde ich irgendwann schummeln und nur noch bei Wind mit dickem Neo in die kalte Ostsee steigen. Wir werden sehen…
Gotland und vor allem Fårö werden geprägt von Kalksandstein-Landschaften. Vor allem an der West- und Nordküste findet man immer wieder sogenannte Rauken-Felder – Küstenabschnitte, an denen von Jahrtausenden geformte Steinnadeln in beeindruckenden Formen und bis zu 12 Meter hoch in den Himmel ragen. Hier kann man perfekt nach Fossilien suchen oder im Sonnenuntergang wunderschöne Fotos machen. Weiterhin gibt es auf der Insel eine sehr große Population an See- und Steinadlern, sodass man auf Wanderungen an der Küste immer wieder diese mächtigen Tiere bewundern kann. Mit etwas Glück kann man auch Robben oder sogar Wale beobachten. Die Hansestadt Visby lädt zudem ein, durch die wirklich schöne Altstadt zu schlendern, viele historische Gebäude und Ruinen zu bestaunen, und in diversen gemütlichen Cafés und Restaurants in der Fußgängerzone zu entspannen (unser Tipp: mirells.se).
So verbrachten wir zehn Tage auf Gotland und Fårö mit Wandern, Eisbaden, Wildcampen und ließen uns von der entspannten Stimmung immer weiter „entschleunigen“. Dazu trug auch bei, dass wir an einigen unserer Übernachtungsplätze keinen Handyempfang hatten und so nach Sonnenuntergang (15:30 Uhr) und einem frühen Abendessen oft zeitig schlafen gingen und bald das Schlafdefizit der letzten Arbeitswochen ausgeglichen hatten. Entspannung pur, und irgendwann hatte ich mich schon damit abgefunden, dass dieser Trip eine windsurf-technische Nullnummer werden würde. Für Donnerstag, den 13.11.25, hatten wir schon die Nachmittags-Fähre für unsere Rückfahrt gebucht, als plötzlich bei Windfinder und Windy für Mittwochnachmittag und Donnerstagvormittag ein Windfeld auftauchte, das über Gotland hinweg ziehen sollte. Das Windsurfer-Herz begann, wieder etwas höher zu schlagen, in der Hoffnung, dass dieses Mal auch etwas von der schnellen Luft ankommen würde.
Und dieses Mal passte dann tatsächlich alles. Endlich! Da wir die gesamte Insel bereits abgefahren und jeden im Kite- und Windsurfing Guide beschriebenen Strand in Augenschein genommen hatten, fiel die Wahl des besten Spots relativ leicht. So fanden wir uns am Mittwochmittag in Gnisvärd ein, auf der Westseite Gotlands. Der Wind kam side-onshore von links und die ersten Kiter waren schon auf dem Wasser. Das 4,8er und der Freestyler waren schnell ausgepackt und los ging es. In der Bucht war es unvorstellbar schwabbelig, so dass Freestyle Moves richtig anspruchsvoll waren. Das war schon etwas enttäuschend.
Laut Spotguide sollte es am südlichen Ende einer kleinen flachen Insel ein Riff geben, auf dem ein paar Wellen brechen und zum Springen einladen sollten. Die zeigten sich nach und nach auch immer mehr, und nach einer halben Stunde bauten sich amtliche Rampen auf, die zu hohen Backloops und Shakas einluden. Bei jedem Sprung jubelte ich innerlich und genoss die Airtime in vollen Zügen. Nach etwa einer Stunde nahm der Wind immer weiter zu, so dass ich mich entschied, auf kleineres Material zu wechseln. Beim Umbauen erzählte mir einer der Kiter, dass die meisten Windsurfer bei der Windrichtung weiter nördlich an der Hafenmole in den Wellen surfen würden. Also nahm ich Waveboard und 4,4er und begab mich an den nördlichen Teil der Bucht – und fand „Windsurfers Paradise“.
Schöne Eineinhalb-Meter-.Wellen liefen im perfekten Winkel zum Springen und zum Abreiten in Richtung Strand. Ich sammelte fleißig Back- und Pushloops und konnte ein paar kleine Aerials landen. Einziges Manko: Unter Land lagen ziemlich fette Felsen im Wasser, so dass man etwas aufpassen musste. Aber wenn man nach ein bis zwei Turns etwas Höhe lief, konnte man in der Hafeneinfahrt in aller Ruhe wenden und für die nächsten Sprünge Anlauf nehmen. Die Bedingungen wurden immer besser, das Licht aber immer weniger und nach 2,5 Stunden konnte ich die Wellen nicht mehr richtig erkennen, so dass ich den Tag beenden musste – glücklich mit dem, was wir gefunden hatten.
Am Donnerstagmorgen hatte der Wind etwas abgenommen und weiter Richtung West gedreht, so dass Gnysvärd sehr auflandig gewesen wäre. Daher entschied ich mich für „Tjurudden“, einen Kite- und Freestyle-Spot. Hier kam der WSW-Wind über eine flache Landzunge, so dass man in Lee in labor-artigen Flachwasser-Bedingungen perfekt Manöver üben konnte. Am Ende der Landzunge luden kleine Mini-Rampen geradezu ein, Shakas zu springen. Mit dem 4,8er Segel hatte ich die vielleicht beste Freestyle-Session der letzten Jahre und konnte ein paar Manöver stehen, die mir sonst nur alle paar Jubeljahre mal gelingen. Zwei Stunden tobte ich mich aus, bevor wir langsam die Segel streichen und den Weg zur Fähre antreten mussten. Was für ein schöner Abschluss!
Aber trotz der beiden sehr versöhnlichen Sessions an unseren letzten zwei Tagen auf Gotland lautet mein Windsurf-Fazit dieser Reise: „Mission: Failed“. Sechs Stunden Windsurfen in zwei Wochen bei 3.500 gefahrenen Kilometern sind keine gute Statistik. So habe ich mit den vielen Spots auf Fårö und auf Gotland noch die eine oder andere Rechnung offen und werde sicherlich noch einmal wiederkommen, um vor allem die Reef Breaks auf Fårö einmal in Action zu erleben. Dann werde ich aber voraussichtlich nach Vorhersage fahren, um mit hoher Wahrscheinlichkeit nach vielen durch die Nacht hindurch gefahrenen Kilometern zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein, um epische Bedingungen abzugreifen. Und davon werde ich dann wieder berichten – hoffentlich mit dem Fazit: „Mission: Accomplished“.
Alles in allem war der Trip nach Gotland und Fårö aber dennoch toll und die Entscheidung, das kühle Südschweden dem warmen Mittelmeer oder der Bretagne vorzuziehen, war am Ende doch eine gute. Denn: Auf Korsika war in den zwei Wochen auch kaum Wind und in der Bretagne muss es an Land beinahe so nass gewesen sein wie im Wasser. Also haben wir zumindest wetter- und windsurf-technisch dort nicht viel verpasst.
25.04.2026 © DAILY DOSE | Text: Florian Luther | Fotos/Grafiken: Valerie Luther Fotografie | Translation: EN